LÁSZLÓ EMÕKE - PÁSZTOR EMESE:

DIE GESCHICHTE DER HALASER SPITZE

 

   
 

Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in dem europdischen Kunstgewerbe immer stärker die Bestrebung, neben bzw. statt der den Markt überschwemmenden maschinell hergestellten Waren, die aussterbenden Handwerkstechniken wiederzuentdecken. Die Wiege dieser Bestrebung war England, aber dank der grof3en internationalen Ausstellungen, der Weltausstellungen und der Zeitschriften, die sich mit dem Kunstgewerbe beschäftigten, erschien sie gleichzeitig auf dem ganzen europäischen Kontinent. Das Hauptziel des Kunstgewerbes vor der Jahrhundertwende war in Ungarn, das Bewahren, seines nationalen Charakters, das Kennenlernen der modernen, europäischen Richtungen und die Hebung des Niveaus der künstlerischen Industrie. Auch in unserer Heimat, nordeuropäischen Landern, war die Unterstützung der Heimindustrie mit diesem Ziel eng verbunder. Aul3er der Vorstellung und der Pflege der Volkskunst hat die Heimindustrie den Einwohnern im Dorf Arbeitsplätze gewährt.

Der Begründer der Bewegung von der ungarischen Heimindustie war Árpád Dékáni, der Zeichenlehrer des Gymnasiums in Kiskunhalas, ( 1861, Alsójára- 1931, Borbánd ) dem das Schaffen der "Halaser Spitze", der neuen ungarischen Nadelspitze, zu verdanken ist. Seit 1902, ihrer ersten Vorstellung, ist die Spitze von Halas zu einem der bedeutendsten Bestandteile des ungarischen Kunstgewerbes geworden. Die Werkstatt der Halaser Spitze ist eine der wenigen Werkstätten, gegründet um die Jahrhundertwende, die trotz der großen Schwierigkeiten auch heutzutage funktioniert. Der erste Konstrukteur der Spitzen von Halas war Árpád Dékáni. Der Ausführende der eigenartigen, neuen Technik war aber nicht er, sondern Mária Markovits, (1875, Kiskunhalas - 1954, Kiskunhalas) gebürtige in Kiskunhalas. Die Besonderheit dieser Technik ist, dass eine ziemlich scharfe Kontur die Motive umgibt, und das innere Feld der mit Konturen umgebenen, Motive nicht mit der für die Nadelspitzen allgemein verwendeten Grundstichart-Das ist der Kettenstich-sondern mit Kreuzstich also mit Stopfen ausgefüllt wird. Diese Technik wurde zu solcher Vollkommenheit gebracht, dass, diese Spitze dem feinsten Batist ähnlich war. Am Anfang wurden die Spitzen aus gröberem, später aus hauchdünnen, ungebeichtem Leinengarn angefertigt. Abweichend von der Mehrheit der Nadelspitzen wurden die Entwürfe von Dékäni zwischen 1902 und 1911 oft aus farbigem Seidenfaden genäht, und manchmal mit Metallfäden verziert. Die Verbindungssticharten von Verzierungen der Anfangszeit waren ganz einfach. Die netzförmige Verbindung kommt oft vor, welche manchmal mit einem spinnenförmigen Motiv verziert wird. In den ersten Jahren verwendete man 10-15 verschiedene Sticharten, später hat sich diese Zahl auf 39 erhöht.

Zwischen 1902 und 1906 entwarf Árpád Dékáni jede Spitze. Seine echten mit ungarischen Motiven verwendeten Spitzen können in drei Gruppen geteilt werden. Besatzspitzen mit Blumenmuster und Blattornament, Kragen und Rüschen. Zu der zweiten Gruppe gehören die Besatzspitzen und die Fächer mit Tiergestalt und zu der dritten die Spitzen mit Bauernftgur in Tracht. Mit den letzteren Motiven hat er Fächer Täschchen und Spitzendecken entworfen. Auf seinen Spitzen verknüpft Dékáni die typischen ungarischen Blumen, Tiergestalten, (der Hirsch, die Taube, der Pfau) Mädchen, Burschen mit der Pflanzenstilisierung und mit dem Spiel der Linienführung der Sezession.

Die Aufmerksamkeit des ungarischen und europaischen Kunstgewerbes richtete sich mehrere Jahre lang auf die Halaser Spitze, die von vielen einheimischen und internationalen Erfolgen begleitet wurde. So wurde sie 1904 in der Weltausstellung in St. Louis mit Grand Prix, 1905 und 1906 in der Weltausstellung in Venedig bzw. in Mailand ebenfalls mit Grand Prix ausgezeichnet. 1908 und 1910 veröffentlichte die englische Zeitschrift "The Studio" über die Spitze von Halas einen reich íllustrierten Artikel. Dékáni wurde 1906 nach Budapest versetzt und mit der Führung der einheimischen Spítzenindustrie beauftragt.

Nach dem Abgang von Árpád Dékáni begann die schwere Epoche der Halaser Spitzenwerkstatt. Obwohl Mária Markovics für die technische Leitung der Werkstatt sorgte, aber die finanziellen Bedingungen standen ihr nicht zur Verfügung. 1911 übernahm die Schule für Kunstgewerbe die künstlerische Leitung unter der Führung von Lajos Tar. Die aus früher Zeit stammenden Spitzen von Lajos Tar entstanden im Zeichen der Sezession, seine Entwürfe waren meistens den Spitzen von Dékáni sehr ähnlich. In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg hören und lesen wir seften über die Halaser Spitze, obwohl Antal Tar zu dieser Zeit aus der Kriegsgefangenschaft schon zurückkehrte, sich Ernõ Stepanek als Entwerfer tätig der Arbeit anschloss und auch Margit Pongrácz für díe Werkstatt von Kiskunhalas arbeitete. Der hervorragendste Entwerfer der 20er und 30er Jahre war Ernõ Stepanek (1881, Cegléd - 1934, Kiskunhalas) Man kann nicht einmal an seinen frühesten Entwürfen die Zeichen der Sezession fühlen. Die alten ungarischen Spitzen und Strickwaren inspirierten ihn zu seiner künstlerischen Arbeit. Die Methode der Stilisierung ist bei ihm anders wie es früher war. Statt der bisherigen dynamischen Linienführung erscheint eine ruhigere Stilisierung mit geometrischen Formen. Auf seinen Decken, Unterlagen, Blumenstöcken, Ästen stehen Vögel, Hirsche in Paaren, oder ein Schwan schwimmt auf dem stillen Wassex Auf seinen figuralen Kompositionen stellt er auf der Blockflöte spielende Hirten oder Märchenfiguren dar. Mit seinem Namen sind die Entwürfe der sehr modisch gewordenen Spitzenwappen verknüpft, die zwischen den zwei Weltkriegen entweder als Geschenk oder auf Bestellung angefertigt wurden. Das berühmteste Stück von ihm war die Spitzendecke, die nach seinem Tod der hollandischen Tronfolgerin Julianne geschenkt wurde.

Am Anfang der 30er Jahre geriet die Halaser Spitze wegen der wirtschaftlichen Kriese in Gefahr. Der Bürgermeister von Kiskunhalas Dr. Imre Fekete nahm sich der Sache von der Spitze von Halas an. Dank seiner begeisterten Werbekampagne, durch staatliche Unterstützungen und Organisierung verschiedener Kulturprogramme wurde die Spitze von Halas sowohl im Inland als auch im Ausland wieder bekannt. Die Schutzmarke, die drei kreuzgelegten Fische, genommen aus dem Stadtwappen von Halas, dient seit 1934 zum Schutz der eigenartigen Spitzentechnik. Nach einem Jahr ist mit der finanziellen Hilfe des Handelsministeriums und der Stadt Kiskunhalas das Spitzenhaus gebaut worden. Hier wurde die Spitzen, -und Volkskunstsammlung untergebracht.

Von den Spitzenentwerfer in der Mitte der 30er Jahre sollen wir - neben schon früher erwähnten Margit Pongräcz und Antal Tar - den Namen von Tibor Sz. Csorba, Eszter Kelety, Ilona Orszägh, Anna Rucsinszky, Júlia Demjén, Béla Tóth und Béla Molnär hervorheben. Zum Jahr 1936 wurde die Halaser Spitze, "die prächtige Handarbeit der einfachen Weibsleute des ungarischen Brüssel", Weltmarke. Außer der ausländischen Interesse bekam das Spitzenhaus auch größere staatliche Bestellungen. 1936 hat der nationale Bund der ungarischen Frauen aus Budapest der Frau des Ministerprüsidenten Gyula Gömbös eine Spitze von Halas geschenkt. Nächstes Jahr wurde eine Spitze der hollandischen Tronfolgerin zu ihrer Hochzeit geschenkt. Anlässlich der Geburt ikres Kindes schenkte die ungarische Regierung 1937 dem italienischen Tronfolger Umberto und dem Bundesmarschall Göhring eine Wagendecke bzw. eine Wiegedecke. Zu dieser Zeit wurde die Spitzendecke für den Altar der Kapelle des polnischen Schiffes István Báthory, die größte staatliche Bestellung des Jahres, angefertigt. Die nächste Station der ausländischen Erfolgsserie der Halaser Spitze war Paris, wo sie vor der Brüsseler Spitze, die man damals fiit unbesiegbar hielt, Grand Prix der Internationalen Handwerksausstellung gewonnen hat. Ein Jahr später nahm unsere Heimat an der Internationalen Handwerksausstellung in Berlin wieder mit einer Auslese der Spitzen von Halas teil. Das berühmteste Stück von diesen Spitzen war das Geschenk des ungarischen Industrieministers dem Reichskanzler Adolf Hitler .

Zum Jahre 1940 wurde es aber klar, dass das Spitzenhaus nach dem Aufhören des Fremdenverkehrs und ohne Bestellungen in sie gesetzte Hoffnungen nicht verwirklichen und sich nicht zu dem Spitzenbetrieb entwickeln kann, der vielen Leuten ein sicheres Auskommen gewährt. Obwohl die Spitze von Halas in der VII. internationalen Ausstellung für Kunstgewerbe in Mailand mit Diploma D'onore ausgezeichnet wurde, konnte das Spitzenhaus ohne größere Bestelllungen hauptsächlich nur kleinere Decken, Abzeichen, Wappen von Familien und Städten nähen. In dieser Zeit sind "Decke mit kleinem Löwen" von Antal Tar, "Decke mit Wappen" von Margit Pongrácz, und die Spitzenschürze mit Wappen von Margit Kolozsväri Jordän, die die Tochter des Möbelfabrikanten in Gyõr war, angefertigt worden. Infolge der Kriegsereignisse musste das Spitzenhaus 1942 seine Tätigkeit innehalten, die Spitzennäherinnen arbeiteten zu Hause weiter.

Obwohl die Arbeit nach dem zweiten Weltkrieg in dem geplünderten und beschädigten Spitzenhaus wieder begann, trotzdem kam es zur Herrichtung des Gebäudes erst später. Den bisherigen stockenden Handel vergrößerte die Teilnahme an der Budapesten Internationalen Herbstmesse. Als die größte staatliche Bestellung der Epoche galt die Spitzendecke mit einem Durchmesser von 150 cm, genäht zum Geburtstag von Stalin imJahre 1950, und die Spitzendecke mit einem Durchmesser von 80 cm, bestellt zum 60. Geburtstag von Mätyäs Räkosi im Jahre 1952. Im selben Jahr wurde mit 140 Mitgliedern die Kiskunhalaser Heimindustriegenossenschaft gegründet, die im nächsten Frühling mit einer großen Summe das Gebäude des Spitzenhauses modernisierie und in Ordnung bringen ließ. Obwohl die ungarísche Presse bezüglich der Eröffnung des Spitzenhauses wieder begann, sich mit der Halaser Spitze zu beschüftigen und auch ausländische Bestellungen aus England und aus der Schweiz kamen, trotzdem war die Produktivität des Spitzenhauses weiterhin nicht genügend. Für den Fortbestand hat die Kiskunhalaser Heimindustriegenossenschaft als der Nachfolger des Spitzenhauses 1957 die Zahl ihrer Mitglieder auf 542 erhöht und neben der Anfertigung der Spitzen von Halas mit der Begründung von anderen Heimarbeitsgruppen für Handwerk ihre Tätigkeit ergänzt.

Die erste Anerkennung der Halaser Spitze nach dem zweiten Weltkrieg war in der Weltausstellung 1958 in Brüssel. Das "Wappen von Brüssel" und die "Brüsseler Decke" des Spitzenhauses, genähte nach den Entwürfen von Béla Molnär, hat Grand Prix gewonnen. Die ungarische Post hat zwei Sätze aus je acht verschieden Briefmarken unter dem Titel "Halaser Spitze" herausgegeben. Für die einheimische Popularisierung der Halaser Spitze veranstaltete die Zeitung des Thorma-Jänos-Museums zwischen 1961 und 1963 aus seiner Spitzensammlung eine Wanderausstellung. Leider konnte die trotz der erfolgreichen Kampagne stockende Produktion kein ständiges Auskommen gewähren. Die Zahl der Spitzennäherinnen nahm ständig ab, im Jahre 1964 gab es keinen Unterricht mehr, insgesamt zwölf Frauen nähten die 40 verschiedene Verzierungssticharten der Halaser Spitze. 1956 wurde die Studie über die "Halaser Spitze" von Ákos Janó; und József Voräk in dem ersten Band der heimatkundlichen Monographie von Kiskunhalas veröfentlicht. 1969 wurde eine ausführlichere Fassung dieses Buchs in einem selbständigen Band herausgegeben. Seit dem im Jahre 1935 veröffentlichten Buch von József Sütõ, dessen Thema ähnlich war, waren diese die ersten reich an Fotos illustrierten Publikationen über die Geschichte von Halaser Spitze. 1965 brachte neue Erfolge. Die in der Budapester Internationalen Messe ausgestellte Spitze von Halas wurde mit dem ersten Preis ausgezeichnet, und sie erhielt 1964 den Preis für die schönste Ware der genossenschaftlichen Industrie des Jahres. Nächstes Jahr bereicherte die Medaille des Bundes der Handwerker die Preissarnmlung des Spitzenhauses.

In der zweiten Hälfte der 50er Jahre dieses Jahrhunderts bedurfte der Musterschatz der Halaser Spitze einer Erneuerung und Erweiterung. Obwohl man fortlaufend die als klassisch geltenden Spitzen mit Pfau, Pelikán, Tänzer nächte, vergrößerte sich die Palette der Spitzenmuster Bank der Entwürfe von Béla Molnär, Lili Nagy Kálózi mit zahlreichen Spitzenentwürfen nach der neuesten Mode. Einige Spitzenzeichen von István Nagy Szeder und József Vorák sind auch erwähnenswert. 1967 nähte das Spitzenhaus die sogenannte "Kollektive Decke" mit einem Durchmesser von 100 cm, deren Planung und Anfetigung die Spitzenndherinnen des Spitzenhauses gemeinsam machten. In den siebziger Jahren versuchten die Spitzennäherinnen aus Mangel an neueren Plänen durch Verwendung von Verzierstichen die schon bekannten Entwürfe abwechslungsreicher zu machen. Um den Entwurfbestand des Spitzenhauses zu erneuern und die moderne einheimische Kunst zu repräsentieren, schrieb der Stadtrat von Kiskunhalas und die Kiskunhalaser Heimindustriegenossenschaft 1976 eine Bewerbung um die Planung, und Anfertigung von Halaser Spitze aus. Am 26. Januar 1977 hat der Volkskunstrat aus Anlass des 75. Jahrestages der Geburt der Spitze von Halas die Herstellung der Halaser Spitze zur selbständigen Kunstart erklärt. Nach der Jubileumsfeier ließ die immer wieder ums Dasein kämpfende Halaser Spitze lange von sich nicht hören. Die staatliche Unserstützung ist seit 1981 eingestellt worden. Der Anspruch beschränkte sich nur auf einige in den Geschäften von Konsumex verkaufte Stücke.1982 wurde das Buch von Györgyi Lengyel "Kiskunhalas -die Stadt der Spitze” veröffentlicht, dessen Herausgeber das Spitzenhaus war.

Irn den 80erJahren belebte ausschließlich die Welle von Ausstellungen die Spitze von Halas. Im August 1983 nahmen die Volkskunstgewerblerinnen Frau Nagy Szeder und Frau Bakony mit den eigenentworfenen Spitzen an der Ausstellung in Brüssel teil.

In den letzten Jahren wurden nur vereinzelt neue Spitzen entworfen. Zu diesen gehören die Spitze des neuen Stadtwappens von Kiskunhalas, die 1991 nach dem Entwurf und nach der Ausführung von Frau Nagy Szeder und Frau Bakony genäht worden ist, und das im Jahre 1994 angefertigte Stadtwappen unserer Partnerstadt Kronach. 1988 hat der Graphiker aus Halas, Tibor Bodor zum 950. Jahrestag des Todes von König Sankt Stephan mit Benutzung von den Motiven des Krönungsmantels für das Spitzenhaus eine Decke entworfen. Diese Spitze mit einem Durchmesser von 55 cm hat der ungarische Staat anlässlich des Besuchs Papst Johannes Pauls des Zweiten im Herbst 1996 in Ungarn dem Heiligen Vater geschenkt.

Zum Ende der 1990er Jahre wurde der Fortbestand der Halaser Spitze problematisch. Nach der System-veründerung hat die Stadt Kiskunhalas die Stiftung der Spitze von Halas errichtet, deren Ziel ist die Halaser Spitze zur Entfaltung zu bringen, und ähnlich der anderen unterstützenden Organisationen die Spitze im Inland und im Ausland zu popularisíeren. Zu der Tätigkeit der Stiftung gehörte bis jetzt die Errihtung des Denkmals von Mária Markovits und Árpád Dékáni, ebenfalls die Inventarauf-nahme der Dokumentation der Entwurf-und Spitzen-sammlung des Spitzenhauses, weiterhin noch die Aufforderung der Autoren dieses Bandes, über die Spitze von Halas zu schreiben.

 

          


Árpád Dékáni gegen 1885








Das Spitzenhaus im Jahre 1935






Mária Markovits gegen 1908








Halaser Spitzen in derAusstellung in Mailand im Jahre 1906








Grand Prix 1937 Die Urkunde der internationalen Handwerkerausstellung in Paris








Der Buchumschlag des Buches von Pat Earshaw über die Halaser Spitze im Jahre 1992








Der Papst Johannes Paul II. Bei seinem Besuch im September 1996 in Ungarn hat der Papst zum Geschenk die Spitzendecke "Krönungsmantel" bekommen